Medienunternehmen zwischen Reichweiten-Rekorden und Existenzkrise

Die Nachfrage nach seriösen Nachrichten ist während der Corona-Pandemie so hoch wie selten zuvor. Doch gleichzeitig steht die Medienbranche massiv unter Druck. Werbeeinnahmen brechen weg, große Verlagshäuser beraten über Sparprogramme und einige haben ihre Journalisten bereits in die Kurzarbeit geschickt. Dennoch könnten Medienunternehmen die Krise für sich nutzen. 

Theresa Berger & Sandra Stehrer

Zwei Euro kostet die Wochentagsausgabe der Augsburger Allgemeinen am Kiosk. Zwei Euro pro verkauftes Exemplar, um die Druckkosten der Zeitung, die Lohnkosten der knapp 200 Redakteure, sowie der zusätzlichen Mitarbeiter der Tageszeitung, die Miete und weitere Fixkosten zu bezahlen? Unmöglich. Die Verkaufserlöse tragen nur einen geringen Teil bei, während das Werbegeschäft etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes der Tageszeitungen ausmacht. 15,8 Milliarden Euro an Werbeeinnahmen flossen 2018 in die Kassen der deutschen Medienunternehmen, so der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW). Ein lukratives Geschäft für die Medien – solange das Geld fließt. Doch durch die Corona-Pandemie haben viele Unternehmen jetzt den Geldhahn zugedreht und ihre Werbeanzeigen storniert. 

Obwohl die Nachfrage nach gutem Journalismus momentan explodiert, stehen Medienunternehmen unter finanziellem Druck und müssen über Sparmaßnahmen diskutieren. Das Anzeigengeschäft bricht gerade massiv ein. So prognostiziert der ZAW allein für den Monat April eine Abnahme der Werbeinvestitionen von mindestens vierzig Prozent.  Große Verlage wie der Spiegel oder Axel-Springer beraten aktuell über die Einführung von Kurzarbeit. In den Redaktionen der Augsburger Allgemeinen oder der Mainpost in Würzburg ist dies bereits geschehen. Die ergriffenen Maßnahmen bringen die drastische Abhängigkeit der Medienunternehmen von den Werbeeinnahmen ans Tageslicht.

Die Krise sorgt für Rekordzahlen 

Doch gemessen an der Nachfrage der Leser sind Medien aktuell erfolgreich wie selten zuvor. Die Zugriffe auf das digitale Angebot der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind im Vergleich zum Jahresanfang um achtzig Prozent gestiegen.  Der hessische Rundfunk kann sich mit 770.000 Zuschauern am 24. März sogar über die erfolgreichste Sendung der Hessenschau seit Beginn der Quotenmessung freuen. Zum Feiern ist den deutschen Medienhäusern dennoch nicht zumute. 

Die ausbleibenden Werbeeinnahmen haben Medien ins Straucheln gebracht. Die Geschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion, Cornelia Berger, bezweifle jedoch, dass die Existenznöte der Verlage schon so groß seien, dass Kurzarbeit erforderlich sei, berichtet BR24. Zudem hat die Arbeit in vielen Redaktionen zugenommen, da sie sehr umfangreich über alle Teilaspekte der Krise informieren, Pressekonferenzen übertragen, Zusatzangebote wie Podcasts produzieren und die tägliche Informationsflut überprüfen. Kurzarbeit birgt die Gefahr, dass die Fülle an Informationen zum Corona-Virus nicht sorgfältig genug verarbeitet werden kann. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen stündlich die aktuelle Nachrichtenlage prüfen, sollten Falschinformationen, als eine Folge personeller und zeitlicher Engpässe, vermieden werden. 

Zeit für neue Strategien 

Der Sparkurs der Werbekunden könnte Medienunternehmen jetzt wachrütteln. So könnte die Krise ein guter Zeitpunkt sein, um alternative Finanzierungsformen zu etablieren. Von hohen Online-Zugriffszahlen lässt sich Journalismus nicht bezahlen, es braucht nachhaltige Konzepte für die Finanzierung digitaler Angebote.  Ein internationales Vorbild in diesem Bereich ist die New York Times. User können fünf Artikel im Monat kostenlos lesen und dann für nur einen US-Dollar in der ersten Woche in ein Abo einsteigen. Darüber hinaus gibt es gestaffelte Digital-Abos in Form einer Basisvariante, eines erweiterten Zugriffs, sowie einer Luxusvariante.

Auch inhaltlich könnten sich die Medien die Situation zunutze machen. Den Sport- oder Kulturredaktionen hat das Covid-19-Virus ihre Themen genommen. Eine einmalige Chance, eigene Ideen und Projekte umzusetzen. Während in der Vor-Corona-Zeit meist der Veranstaltungskalender den Redaktionsalltag diktiert hat, wäre jetzt die Möglichkeit, Themen zu vertiefen, für die es sonst keinen Platz gibt.  

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