Recherche bis zum Tod – Wenn Journalisten zu Zielscheiben werden

Mehr als 160 Journalisten wurden seit der Jahrtausendwende in Mexiko ermordet. Die Politik versagt im Kampf gegen Gewaltverbrechen an Medienschaffenden.

Anna Boschner und Michael Switil

Mexiko gehört weltweit zu den gefährlichsten Staaten für Medienschaffende. Laut der Non-Profit-Organisation „Reporter ohne Grenzen“ sind in keinem anderen Land, das sich nicht im Krieg befindet, jährlich so viele Berichterstatter Opfer von Gewaltverbrechen. Vor allem die enge Verflechtung zwischen Politik und organisiertem Verbrechen ist für die hohe Anzahl an Gewaltverbrechen an Journalisten in Mexiko verantwortlich. In demokratischen Gesellschaften entlädt sich das natürliche Spannungsverhältnis zwischen Politik und journalistischer Aufdeckung in zivilisierter Form in der Berichterstattung. Im Gegensatz dazu müssen Medienschaffende, die in Mexiko auf Missstände wie Korruption oder Drogen- und Menschenhandel aufmerksam machen, um ihr Leben fürchten. Konflikte werden nicht durch Dialog, sondern mithilfe von Gewalt und Mord gelöst. Dennoch üben weiterhin viele Journalisten ihren Beruf trotz der hohen Gefahr aus. Der Preis, den sie dafür bezahlen, ist mitunter hoch. Anfang November 2020 vermeldeten mexikanische Medien den dritten Mord an einem Redakteur in Mexiko innerhalb weniger Wochen. Unbekannte Täter erschossen den Reporter Israel Vázquez während der Recherche für einen Kriminalbericht. Der 31-jährige traf vor der Polizei am Fundort einer zerstückelten Leiche ein. Die dafür Verantwortlichen waren nach dem Bericht einer mexikanischen Zeitung noch vor Ort. Vázquez sei Opfer einer „feigen und grausamen Attacke“ geworden, „während er seiner ehrenvollen Aufgabe als Journalist nachging“, teilte sein Arbeitgeber mit.

Regierung versagt im Kampf gegen Mord und Gewalt

Seit der Jahrtausendwende starben in Mexiko laut der Nationalen Menschenrechtskommission mehr als 160 Journalisten gewaltsam im Zusammenhang mit ihrer Arbeit. Darüber hinaus kommt es immer wieder zu Bedrohungen und Entführungen. Immer wieder müssen Journalisten mit ihren Familien aus dem Land flüchten. In der Rangliste der Pressefreiheit belegt Mexiko den 143. Platz. Die Straflosigkeit bei Verbrechen gegen Medienschaffende liegt nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ bei über 90 Prozent. „Der Weg zur Wahrheit und zu einer juristischen Aufarbeitung ist für die Opfer in Mexiko nach wie vor lang und beschwerlich“, berichtet Sara Mendiola. Sie ist Direktorin einer mexikanischen Menschenrechtsorganisation, die eine Kampagne gestartet hat, um gegen das Vergessen von ermordeten Journalisten vorzugehen.

Präsident Andrés Manuel López Obrador hat bei seinem Amtsantritt Ende 2018 die Bekämpfung der Korruption zu seiner Hauptaufgabe erklärt. Seit diesem Zeitpunkt wurden in Mexiko mindestens 17 Journalisten ermordet. Weltweit beklagt kein anderes Land mehr Journalistenmorde im gleichen Zeitraum. Eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht, denn angesichts der Corona-Pandemie hat die mexikanische Regierung Fördergelder zum Schutz von Journalisten gestrichen.

Wie können Journalisten besser geschützt werden?

Kampagnen diverser Organisationen, Medienhäusern oder Einzelpersonen, denen der Schutz von Journalisten ein Anliegen ist, können dabei helfen, die Bevölkerung auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Wird die Vielzahl an Gewaltverbrechen an Medienschaffenden auch im Diskurs in der Bevölkerung stärker thematisiert, zwingt das die Regierung, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Um das Problem langfristig lösen zu können, wird ein öffentliches Bekenntnis der Politik zur Medienfreiheit im Land notwendig sein. Darüber hinaus müssen Korruption und organisiertem Verbrechen glaubwürdig der Kampf angesagt werden. Präsident López Obrador sorgte in den ersten Monaten seiner Regierungszeit für Aufbruchsstimmung, indem er Fördergelder zum besseren Schutz von Journalisten versprach. Durch die Corona-bedingte Streichung dieser Gelder wird ein verheerendes Signal gesendet. Trotz dieses Rückschlags werden in Mexiko Journalisten wie Israel Vázquez weiterhin ihrer Berufung nachgehen und durch kritische Berichterstattung auf Missstände hinweisen.

Fotocredits: Pixabay

Quellen:

Committee to Project Journalists (2020): Reporter Israel Vázquez shot and killed; third Mexican journalist killed in 2 weeks. Online unter: https://cpj.org/2020/11/reporter-israel-vazquez-shot-and-killed-third-mexican-journalist-killed-in-2-weeks/ (13.11.20).

Die Zeit (2020): Journalist bei Recherchen in Mexiko getötet. Online unter: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-11/guanajuato-journalist-getoetet-mexiko-medienschaffende-reporter-ohne-grenzen (13.11.20).

Drüeke, Ricarda/Weber, Karsten (2016): Watchdog Journalism. Berlin: DFJV Deutsches Journalistenkolleg.

Reporter ohne Grenzen (2020) a): Rangliste der Pressefreiheit. Online unter: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/weltkarte#map-MEX (13.11.20).

Reporter ohne Grenzen (2020) b): Journalisten schützen, Straflosigkeit bekämpfen. Online unter: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/mexiko/alle-meldungen/meldung/journalisten-schuetzen-straflosigkeit-bekaempfen (13.11.20).

Reporter ohne Grenzen (2020) c): Kampagne gegen das Vergessen. Online unter: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/mexiko/alle-meldungen/meldung/kampagne-gegen-das-vergessen (13.11.20).

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