Reality-TV oder Stereotypenmaschinerie?

Nach „Schwiegertochter gesucht“, „Love Island“ und „Bachelor in Paradise“ hat der Sender Pro7 die nächste Reality-TV-Show ins Leben gerufen – „Beauty & the Nerd“. Viele der Charaktere werden überspitzt und stereotyp dargestellt. Schublade auf, Kandidat rein, Schublade zu – Deshalb stellt sich die Frage: Darf Reality-TV das Schubladendenken in solchem Maße zelebrieren?

Tobias Bischof, Daniel Berger, Laura Strauss

Vom Einzelfall in die Schublade

Reality-Shows unterhalten und amüsieren den Zuschauer. Das Objekt des Humors: Die Kandidaten. Pro7, RTL, RTL2 und andere kommerzielle Sender demütigen die mitwirkenden Personen durch die Art der Darstellung und ziehen sie ins Lächerliche. Die Würde der einzelnen Teilnehmer spielt keine Rolle, solange die Unterhaltung des Publikums gewährleistet ist. Die Sender geben alles, um Klischees zu bedienen und Schubladendenken zu zelebrieren. Solange die Quote stimmt, ist (fast) alles erlaubt.

Anne Ulrich und Joachim Knape benennen in ihrem Buch „Medienrhetorik des Fernsehens“ (2015) die Gründe solcher Sendungen: Die Shows thematisieren Einzelschicksale und stellen geltende Tabus in Frage oder brechen mit ihnen. So werden sensationsorientierte Effekte geschaffen. Das Endprodukt soll sich auf die Lebenswelt des Publikums beziehen, kurzweilig und unterhaltsam, sowie für eine breite Öffentlichkeit konsensfähig sein.

Das Produkt soll den Zuschauer also unterhalten. Das ist der Fall. Aber wie weit dürfen die Sender für diese Art der Unterhaltung gehen? Ein Fallbeispiel ist Vera Int-Veen. Sie ist Moderatorin des TV-Formats „Schwiegertochter gesucht“ und durch den „Vera-Fake“ bekannt geworden.

Der „Vera-Fake“

Das Neo-Magazin Royale hat der TV-Show „Schwiegertochter gesucht“ in der zehnten Staffel einen Kandidaten untergeschoben. Moderator Jan Böhmermann zeigt auf, dass die beiden Schauspieler Simon Steinhorst (30, alias Robin 21) und Andreas Schneiders (55, alias René 38) in Wirklichkeit keine Kandidaten sind. Das ZDF schleuste die beiden als Vater und Sohn in die Sendung ein. Jan Böhmermann stellt in seiner Show folgende rhetorische Frage: „Hat wirklich jemand einen gefälschten Kandidaten eingeschleust, nur um zu dokumentieren, was RTL seit Jahren für ne Sch**** mit Leuten abzieht, die sich nicht wehren können?“

Das Problem liegt also nicht darin, dass Personen teilnehmen, welche vielleicht nicht real sind, sondern in der Darstellung dieser Charaktere. Jan Böhmermann bringt es auf den Punkt: „Ihr habt Robin und René noch dümmer gemacht, als wir sie uns ausgedacht haben. Und das will was heißen. Ihr habt sie als die allerletzten Trottel inszeniert.“ Genau in dieser Übertreibung und Stereotypisierung liegt das Hauptproblem dieser Sendungen.

Stereotype als Erfolgsmerkmal

Die Unterhaltung und damit auch der Erfolg von Reality-TV-Shows bauen auf Stereotypen auf. Die Produktionen ordnen Teilnehmer verschiedenen Gruppen zu und stellen sie überspitzt dar.

Seit dem 4. Juni 2020 läuft die zweite Staffel der Reality-TV-Show “Beauty & the Nerd”. Das Format schickt sieben „Beauties“ und sieben „Nerds“ zusammen in eine Villa auf Ibiza und stellt sie als Pärchen vor verschiedene Aufgaben. Die Teilnehmer sollen in die Welt des Partners eintauchen und eine Beziehung zueinander aufbauen. Die „Beauties“ stellt Pro7 als hübsche und überschminkte Schönheiten dar, während die „Nerds“ als intelligente, aber sozial isolierte Personen inszeniert sind. Charaktereigenschaften, die in eine der beiden Schubladen passen, stellt der Sender überspitzt dar und rückt sie in den Vordergrund.

In Zeiten, in denen Schubladendenken nicht mehr vorhanden sein sollte, schaffen es diverse TV-Sender, Vorurteile weiter zu verstärken. Durch die Gegenüberstellung von Stereotypen werden diese etabliert.

Konturen eines Stereotyps

Stereotype vereinfachen die Welt eines Menschen. Martina Thiele (2015) beschreibt Stereotypisierung als kognitiven Prozess, der im Gehirn der Menschen abläuft, während sie Dinge kategorisieren und für sich selbst abspeichern. Stereotypisierung ist ein Beispiel. Der Zuschauer sieht eine Sendung und ordnet die Teilnehmer auf Grund ihres Verhaltens, ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder anderer Aspekte einer Schublade zu.

In diesem Schubladendenken werden Personen positive und negative Eigenschaften zugeschrieben. Sie stellen keine eigenständige Person mehr dar, sondern sind durch ihre stereotypischen Merkmale Teil einer Gruppe. Bei „Beauty & the Nerd“ also entweder „Beauty“ oder „Nerd“. Einfacher geht es nicht. Die Teilnehmer werden als Mitglied einer „Schublade“ gesehen und so behandelt.

TV-Sender tragen Verantwortung dem Zuschauer, sowie dem Teilnehmer gegenüber. Dieser Verantwortung werden Sender, die Reality-TV-Shows zeigen, nicht gerecht. Personen ohne Würde darzustellen und zu inszenieren ist anmaßend. Jetzt ist die Zeit, die Kommode in die Ecke zu stellen und die Schubladen zuzunageln. Also Pro7, RTL und RTL2: Wann seid ihr soweit, das Möbelstück auf den Sperrmüll zu bringen?

Fotocredits: Pexels

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