Qualitätsförderung oder Machtausbau? – Google investiert eine Milliarde Dollar in den Journalismus

Ende 2020 erscheint in Deutschland und Brasilien die Nachrichtenplattform „Google News Showcase”. Der IT-Gigant bezahlt erstmals für Presseartikel. Ob Google damit zu mehr Qualität im Journalismus beiträgt, oder aus Eigeninteresse handelt, darf bezweifelt werden. 

Kathrin Buschmann, Melanie Gastberger, Julia Romanin

Google News sammelt Schlagzeilen aus unterschiedlichen Quellen und stellt sie zu einer Nachrichtenplattform zusammen. News Showcase wird eine neue Sektion von Google News, die Inhalte ansprechend und personalisiert in einem Feed aufbereitet – als eine Art „Schaukasten“. Für diese Schlagzeilen arbeitet Google direkt mit den Verlagen zusammen.

Ziel des US-Technologieriesen ist es, innerhalb der nächsten drei Jahre weltweit eine Milliarde Dollar (rund 854,12 Millionen Euro) in journalistische Inhalte zu investieren. Beteiligt sind unter anderem 20 deutsche Medien, darunter „FAZ“, „Die Zeit“, „Der Spiegel“, „Stern“ und „Der Tagesspiegel“. Google-Zentraleuropachef Philipp Justus teilt mit, dass das Projekt künftig auf andere Länder wie Argentinien, Australien, Großbritannien, Kanada, Belgien, Niederlande und Indien ausgeweitet wird.

Ein Fortschritt für die Medienbranche?

Der Schritt von Google, für journalistische Inhalte zu bezahlen, wird als Kehrtwende in der Branche gesehen. „Es ist Googles bislang weitreichendster Schritt um die Zukunft des Journalismus zu unterstützen.“, so das Statement des Konzerns. Das US-Unternehmen zahlt auch für kostenpflichtige Inhalte – die Artikel erscheinen also ohne Paywall. Annika Sehl, Professorin für Digitalen Journalismus an der Bundeswehr-Universität in München, sieht genau diesen Aspekt als Vorteil: Nutzer erhalten einen kostenlosen Zugang zu Premium-Artikeln.

Die Kehrseite der Medaille

Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) kritisiert: „Die Geldausschüttung an Verlagshäuser erfolgt nach Gutsherrenart. Das hat nichts mit unseren Vorstellungen von einem modernen Urheberrecht im 21. Jahrhundert zu tun“.

Google weitet mit dem Projekt die „journalistische Vielfaltsschere”. Während kleine Verlage keine Förderung erhalten, bekommen die ohnehin schon großen Verlage finanzielle Unterstützung und mehr Sichtbarkeit. Dieser Schritt führt zu einer Verstärkung der Konzentration am Nachrichtenmarkt und zu einem Verlust der journalistischen Vielfalt. Interessen und Meinungen der Minderheiten werden vorerst nicht im Programm aufgenommen. Was zu lesen sein wird, sind die Sichtweisen der mächtigen Verlage. Unterschiedliche Ansichten, divergierende Ansätze und Meinungsvielfalt zählen zu den wichtigsten Kriterien von qualitativ hochwertigem Journalismus.

Mit “Google News Showcase” umgeht das Unternehmen gekonnt diese Kriterien und auch europäische Gesetze, die besagen, dass Chancengleichheit und faire Wettbewerbsbedingungen in der Medienlandschaft gesichert sein müssen. Indem der IT-Gigant ein eigenes Projekt auf den Markt bringt, macht er sich unabhängig. Mit welchen Verlagen eine Zusammenarbeit stattfindet, bestimmt Google selbst. Eine solche Entwicklung ist aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive gefährlich. Google weitet seine ohnehin bereits monopolistische Machtposition weiter aus. Eine Welt, in der ein IT-Konzern den Einfluss darüber hat, zu bestimmen, welche Inhalte die Bevölkerung zu Gesicht bekommt, wäre nicht nur eintönig, sondern auch bedrohlich: Kritische Stimmen könnten verstummen. Kritik an Google wird man im “Showcase” wohl nicht zu lesen bekommen.

Ein Resümee

Google zahlt erstmals für journalistische Arbeit. Ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings einer, den  Google nicht ohne Hintergedanken macht. In der Öffentlichkeit rühmt sich Google als Befürworter und großzügiger Unterstützer für mehr Qualität im Journalismus. Dass diese Aktion den Großkonzern in seiner Alleinstellung noch weiter stärkt, sollte allerdings nicht übersehen werden. Nötig sind kritische Augen, die vermeintlich positive Entwicklungen wie diese hinterfragen und überwachen. Den globalen Big Playern mehr und mehr Macht zu überlassen, führt langfristig zu einer eintönigen und monotonen Welt. 

Fotocredits: Pexels

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.