BlackLivesMatter-Demo in Salzburg

Get up, stand up – Was Demonstrationen (nicht) bewirken

Seit den Black-Lives-Matter-Demonstrationen stellt sich vermehrt die Frage: Beheben Straßenproteste globale Missstände, oder sind sie reine Zeitverschwendung? Vergeudete Zeit, die aktuell sogar Menschenleben gefährden kann? Denn das Coronavirus ist noch immer nicht besiegt. Was Demonstrationen bewirken können und welche Rolle sie in Demokratien haben.

Melanie Gastberger, Kathrin Buschmann, Julia Romanin

Abhaltung von Demonstrationen als Grundrecht – auch während Corona

Wien, 4. Juni 2020: 50.000 Menschen versammeln sich am Platz der Menschenrechte, um gegen strukturellen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Weitere Demonstrationen mit tausenden Menschen in allen Landeshauptstädten Österreichs folgen. Im Zuge der Proteste bilden sich schnell zwei Lager: Auf der einen Seite stehen Menschen, die Rassismus als ein gesellschaftlich tief verwurzeltes Problem sehen. Sie wollen darauf aufmerksam machen und das Bewusstsein schärfen. Sie sind laut, sie protestieren. Auf der anderen Seite stehen Skeptiker, die sich fragen: Bringt das etwas? Können Demonstranten wirklich globale Veränderungen bewirken? Gerade jetzt, wo große Menschenansammlungen verboten sind, sollten Demonstranten kein unnötiges Risiko eingehen. Schon gar nicht für eine Sache, die ohnehin wenig bezweckt. Zwei konträre Ansichten, welche die Meinungen der Bevölkerung spalten. Doch es ist eine Tatsache, dass „die Abhaltung von Demonstrationen ein Grundrecht unserer Gesellschaft ist“ und somit von den Covid-19-Regeln ausgenommen ist, so Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Demonstrationen stellt sich aktuell mehr denn je.

Mit einem Schild auf die Straße gehen und die Welt verändert sich?

So einfach ist es nicht. Auf Demonstrationen folgen selten direkte Veränderungen. Dafür sind die Problematiken, weshalb Menschen auf die Straße gehen, meist zu komplex und verfahren, als dass sie sich von heute auf morgen beseitigen ließen: Rassismus, Homophobie, Klimakrise, Kriege und Terror, Unterdrückung von Frauen – all das sind Produkte von jahrelang gelebten und gesellschaftlich etablierten Denkweisen. Um diese aufzubrechen, benötigt es mehr, als einen einzigen Protestmarsch. Trotzdem: Demonstrationen sind der erste Schritt. Sie machen auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam und schärfen das Bewusstsein in der Bevölkerung. „Wenn ich etwas erreichen will, das mir die im Parlament vertretenen Personen nicht ermöglichen, komme ich um eine Demo nicht herum“, so Sebastian Haunss, der an der Uni Bremen Protestbewegungen untersucht. Je mehr Personen ihren Ärger und ihre Frustration kundtun, und je öfter sie das machen, desto mehr geraten Politiker unter Zugzwang.

Wenn Menschen ohne Stimme laut werden: Die Entstehung einer Gegenöffentlichkeit

Gemeinsames Protestieren verbindet. Menschen mit den gleichen Forderungen, Sorgen und Interessen treffen zusammen und können sich untereinander austauschen. Sie realisieren: Ich bin nicht allein mit meinem Anliegen und dem Wunsch nach Veränderung. Das motiviert und bestärkt. Durch diese Art von Community-Building entsteht ein Forum, das Gleichgesinnte zusammenbringt. Nämlich Menschen, die in der Öffentlichkeit kein Gehör finden, deren Forderungen an der Politik abprallen und die sich in den Medien nicht wiederfinden. Diese Personen haben zwei Möglichkeiten: Verstummen oder laut werden. Doch Schweigen hat bekanntlich noch nie zur Lösung eines Problems geführt. Durch den Unmut, keinen Platz in der Gesellschaft zu haben und sich nicht äußern zu können, bilden sich sogenannten „Gegenöffentlichkeit“. Menschen ohne Stimme werden laut. Sie schließen sich zusammen und machen die „herrschende Öffentlichkeit“ auf ihre Unterdrückung und Ausgrenzung aufmerksam.

Der Erfolg hat viele Väter und Mütter

Auch wenn sich gesellschaftliche Veränderungen nicht immer auf einzelne Demonstrationen zurückführen lassen, bringen sie dennoch oft den ersten Stein ins Rollen. Ohne Protestbewegungen dürften Frauen womöglich heute noch nicht wählen, Homosexualität wäre eine Straftat und Deutschland hätte 2002 die USA im Irakkrieg unterstützt. Laut sein, zusammenstehen und sich auflehnen macht sich bezahlt. Möglicherweise befinden wir uns auch jetzt in einem gesellschaftlichen Umbruch, der uns fest verankerte rassistische Muster und Denkweisen endlich hinterfragen und aufbrechen lässt. Stand up for your rights!

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