Die Angst vor dem gläsernen Menschen

Viele Personen arbeiten während der Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Krise im Homeoffice. Unternehmen überwachen ihre Angestellten auf Schritt und Tritt in den eigenen vier Wänden.

Anna Boschner, Michael Switil

Zu Beginn der COVID-19-Pandemie mussten Unternehmen in kürzester Zeit die Digitalisierung in ihren Betrieben vorantreiben, um ihren Angestellten die Arbeit aus dem Homeoffice zu ermöglichen. Inzwischen entdecken immer mehr Arbeitgeber einen Vorteil des Homeoffice für sich: Das Überwachen der Mitarbeiter. Eine Bank-Holding aus den USA wertet Tastatureingaben aus, speichert besuchte Webseiten und macht alle zehn Minuten einen Screenshot des Bildschirms. „Wir haben einzelne Angestellte gesehen, die unfaire Vorteile aus flexiblen Arbeitszeitregelungen zogen“, zitierte die Nachrichtenagentur Bloomberg News aus der Rundmail der Firma. Arbeiter, die ihre Aufgaben nicht erledigen, müssen mit disziplinarischen Maßnahmen rechnen.

Ziel ist es, die Arbeitsleistung genau protokollieren und überwachen zu können. Der Mensch ist in einem seiner Rückzugsraum – den eigenen vier Wänden – gläsern. Die Privatsphäre wird beeinträchtigt. Softwareanbieter wie Interguard, Teramind oder Time Doctor stellen die entsprechenden Programme zur Verfügung. Alle möglichen Aktivitäten werden angezeigt: Aufgerufene Programme, Webseitenbesuche, E-Mails und Tastatureingaben. In China kann mit der Software Ding Talk durch das Verbinden des Smartphones mit einem WLAN-Netzwerk An- und Abwesenheit kontrolliert werden.

Auch PR-Abteilungen missbrauchen immer häufiger Informationen globaler Datenanbieter für ihren eigenen Nutzen. In der Wissenschaft beschäftigt sich vor allem die PR-Forschung mit Big-Data-Analysen. Diese bergen laut Kommunikationswissenschaftler Peter Winkler das Risiko, in disziplinäre und öffentliche Abhängigkeiten gegenüber globalen Datenanbietern zu geraten. Laut einer Studie des Pew Research Centers aus dem Jahr 2019 sind knapp zwei Drittel der US-Bürger der Meinung, dass sie gegen das Datensammeln von Unternehmen im Alltag machtlos sind. 81 Prozent gaben an, keine oder nur sehr geringe Kontrolle über die gesammelten Daten zu haben.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Center for ICT&S am Fachbereich Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg setzen sich mit der Frage auseinander, wie die Zukunft der Arbeit aussehen kann. Neben der Gefahr, dass Arbeitsplätze durch intelligente Maschinen verloren gehen können, beschäftigt sich das ICT&S-Center mit Konzepten wie Crowd- und Coworking. Die Überwachung von Arbeitnehmern ist für die Wissenschaft keine tolerierbare Zukunftsoption.

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